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Entstanden im Rahmen der Vorlesung „Widerlegung des Skeptizismus“ von Professor Olaf Müller an der HU


Die Freiheit

ein Gehirn im Tank zu sein


von Peter Schaller



Was hindert uns daran aus unseren gesellschaftlichen Normen auszubrechen ?Warum funktioniert das menschliche Zusammenleben ? Diese Fragen stelle ich mir nicht in Bezug auf eine Welt, die so existiert, wie wir sie uns gemeinhin vorstellen: Jedes Lebewesen und jeder Gegenstand ist physisch in unserer Welt vorhanden und Wechselwirkungen zwischen diesen Dingen können eine physische Konsequenz haben. Nein, ich spreche von einer Welt, in der es nur mein Gehirn, einen Tank mit Nährlösung und einen Computer, an dem mein Gehirn angeschlossen ist, gibt. Alle Gegenstände, Lebewesen, Freunde, auch der eigene Lebenspartner werden von dem Computer in Echtzeit simuliert, sind also nur Bit-Gegenstände, Bit-Lebewesen, Bit-Freunde, Bit-Lebenspartner. Diese Welt ist so perfekt simuliert, dass ich den Unterschied zu der Welt, in der ich bisher zu existieren glaubte nicht bemerken würde. Wenn ich nun aber weiß, dass ich ein Gehirn im Tank bin, muss ich dann aufstehen, zur Arbeit gehen oder Rücksicht auf meine simulierte Umwelt nehmen? In diesem Essay möchte ich diskutieren, ob das Wissen darum, ein Gehirn im Tank zu sein, einen Einfluss auf unsere Handlungen und Entscheidungen haben würde.

Zuerst werde ich versuchen die Motive für unsere Handlungen und Entscheidungen in der „normalen“ Welt kurz zu umreißen um dann den Versuch zu wagen, diese Motive auf ein im Tank lebendes Gehirn zu übertragen. Zum Schluss werde ich dann eine Differenzierung der Motive für die Konstellation „Gehirn im Tank“ vornehmen. Wir leben in einer Welt, in der nahezu jede Regung eine Gegenregung hervorruft. Wenn dieses Gleichgewicht, oder besser gesagt Kausalitätsprinzip gestört würde, wäre unsere Welt eine andere. Ein Gegenstand der nicht aufgrund der Erdanziehungskraft nach unten fällt, sondern sich anders verhält, würde unsere Welt auf den Kopf stellen. Ähnlich verhält es sich mit den Handlungen und Entscheidungen eines Menschen. Wenn wir eine Entscheidung zu treffen haben, berücksichtigen wir fast immer, was für eine Auswirkung diese auf unsere Mitmenschen haben wird. Man könnte sogar sagen, dass nahezu jegliches Handeln von folgendem Gedanken geprägt ist: "wie wird meine Umwelt auf mein Handeln reagieren?" Hieraus lässt sich nun das Motiv für das Handeln in unserer „normalen“ Welt ableiten: Berücksichtige bei allem, was du tust, den Effekt den deine Handlung auf deine Umwelt hat, da von ihr ein reziproker Effekt auf dich selbst ausgehen wird.

Wenn wir nun das Gehirn im Tank, im folgenden mit GiT abgekürzt, in der anderen simulierten Welt betrachten, stellt sich die Frage, ob dieser reziproke Effekt einer Handlung auch für dieses gilt. Dem ersten Anschein nach lebt das GiT ja alleine im Tank und müsste keine Rücksicht auf seine simulierten Mitmenschen nehmen. Wir müssen jedoch bedenken, dass in dieser simulierten Welt die gleichen Regeln und Gesetzte gelten wie in unserer „normalen“ Welt.

In dem Film „Die Matrix“ konnten die Akteure, die in gewisser Weise auch GiT's, wenn auch eher Körper im Tank waren, Regeln, wie z.B. die der Schwerkraft brechen. In unserem Szenario ist derartiges jedoch nicht vorstellbar, da unser verdrahtetes Gehirn nicht in der Lage ist, den Programmcode des seine Umwelt simulierenden Computers zu manipulieren . Das GiT hat somit im Gegensatz zu den Akteuren der Matrix den Bewohnern der „normalen“ Welt nichts voraus. Das GiT ist den gleichen Effekten ausgesetzt wie jeder Bewohner der normalen Welt. Die meiner Ansicht nach bedeutende Frage hierbei ist: „Fällt es mir als GiT leichter diese Effekte zu ignorieren und erweitert dies dann meine Entscheidungsfreiheit?“

An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel anführen. Ist es für mich als GiT leichter, mich zu einem Bankraub zu entschließen, wenn ich glaube, dass das Geld, die Bank, die Angestellten, die eventuell meine Geiseln sein werden, und die Ordnungshüter nur simuliert sind ? Vielleicht zunächst ja, aber wenn ich an den Effekt, den das virtuelle Geld in der virtuellen Welt auf mein virtuelles Leben hat, glaube, sollte ich dann nicht auch an die mir drohende virtuelle Strafe glauben? Dieser Effekt ließe sich gewiss auch bei vielen anderen Verlockungen des virtuellen Lebens zeigen, man kann nicht einerseits das System, da es eine Simulation ist, nicht ernst nehmen, aber andererseits versuchen die Tatsache, dass es eine Simulation ist, ausnutzen. So scheint mir in Bezug auf Handlungen und Entscheidungen die normalerweise einen Effekt nach sich ziehen kein Unterschied zwischen dem GiT und den Bewohnern der „normalen“ Welt auszumachen zu sein.

Anders könnte die Sache gelagert sein, wenn wir Entscheidungen betrachten, die sich nur auf einer moralischen, ethischen Ebene unseres GiT's bemerkbar machen und keinen Effekt von außen auslösen. Entscheidungen die nur diese Ebene betreffen, könnte das GiT dann mit einer größeren Freiheit treffen als unser normaler Erdenbürger. Oder muss unser Gehirn im Tank Bedenken haben, wenn es auf einer ausgedehnten Geschäftsreise nach China seine virtuelle Ehefrau mit einer virtuellen Gespielin betrügt? Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Betrug ans Tageslicht kommt, ist doch sehr gering und eine Auswirkung auf die virtuelle Beziehung unseres GiT's ist somit nicht zu erwarten. Das, was uns im „normalen“ Leben ein schlechtes Gewissen angesichts eines solchen Seitensprungs empfinden lässt, ließe sich für ein GiT als sinnlose Sentimentalität gegenüber einem Computerprogramm abtun.


Mein Ziel war es, aufzuzeigen, dass der Glaube sich in einem derartigen Szenario zu befinden, weniger an unserem Handeln ändern würde als wir zunächst glauben. Ich denke , dass ich in diesem kurzen Essay zeigen konnte, dass, so extrem sich die Vorstellung in einer simulierten Umgebung zu leben auch anfühlen mag, nicht alles anders ist. Bis auf die wenigen Entscheidungen, die nur unsere innere emotionale Gemütslage betreffen, können wir auch als GiT nicht aus den Gesetzmäßigkeiten ausbrechen, die uns eine wie auch immer geartete Umwelt vorgibt. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass dieses GiT gewiss einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt ist, Selbstmord zu begehen, denn dies wäre eine Handlung, die den Schock, ein GiT zu sein, gut kompensieren könnte. Diese, in unserer Welt oft mit schweren Gewissenskonflikten begleitete Tat, wäre in der Simulation ungleich leichter zu rechtfertigen. Ein mögliches Verletzen der Gefühle der simulierten Mitmenschen kann in diesem Fall noch viel leichter ausgeschlossen werden. Der Effekt auf die simulierte Umwelt müsste nämlich dann auch das Ende dieser Simulation sein. Denn in einer perfekten Simulation muss auch ein Selbstmord perfekt simuliert sein, und das bedeutet dann, dass der Mittelpunkt unseres Szenarios wegfällt und dieses dann ohne ein GiT als Interaktionspartner gleichermaßen nicht mehr „lebensfähig“ ist.